Wir brauchen Menschen, die etwas zu verbergen haben

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Wir brauchen Menschen, die etwas zu verbergen haben

Beitragvon Stefan » Mi Januar 20, 2010 15:15

Ich spiegele hier mal einen Beitrag, den ich ins Blog gepostet habe. Vielleicht hat ja auch der ein oder andere aus dem Forum Interesse an dem Seminar Ende Januar.

Wir brauchen Menschen, die etwas zu verbergen haben

Eines der häufigsten Argumente, dass man bei Diskussionen rund um Überwachung und Datensammlung hört ist:

Mich betrifft das nicht. Ich hab doch nichts zu verbergen.


Ein gewaltiger Irrtum.Sicherlich, die wenigsten von uns begehen Straftaten. Aber jedeR hat etwas zu verbergen. Nichts zu verbergen heißt, dass ich alles was ich tue, alles was ich denke, öffentlich, komplett nackt, auf einem Plakat in der Fußgängerzone präsentieren könnte (und auch Jahrzehnte später noch dazu stehen kann!). Wer kann diese Frage für sich bejahen? Wer hat noch nie (!) etwas getan, dass sie/er z.B. dem eigenen Chef oder den Eltern nicht erzählen würde? Und: wer möchte in einer Gesellschaft leben, in der jedeR alles über den/die andere weiß?

Wir können uns gar nicht vorstellen, was dies bedeuten würde. Keinerlei Privat- oder Intimsphäre mehr. Kein Rückzugsraum, in dem Dinge die wir tun, denken oder sagen – oder eben nicht – unbeobachtet, ungespeichert bleiben. Ein Szenario, gegen das "Big Brother" aus 1984 von George Orwell wie ein unschuldiges Lämmchen wirkt, der "gläserne Mensch" würde Wirklichkeit.

Doch ist solch eine Horrorvision nicht vollkommen unwahrscheinlich? Sicherlich würde niemand auf die Idee kommen, solch eine Welt auf einen Schlag aufzuführen. Die Frage ist aber, wie weit wir noch davon entfernt sind.

Unsere gesamten Telekommunikationsdaten werden 6 Monate gespeichert. Wen wir wann anrufen oder Emails schicken, wann wir im Internet aktiv sind. Telefonieren wir mit dem Handy wird zusätzlich die Funkzelle, also der (grobe) Standort gespeichert. Wer ein modernes Smartphone nutzt und ständig mit dem Internet verbunden ist, dem kann es passieren, dass alle 15 Minuten der Standort gespeichert wird. Somit ist nahezu lückenlos nachvollziehbar, wo sich die Person in den letzten 6 Monaten aufgehalten hat.

Dieses Jahr beschert uns "ELENA", den elektronischen Einkommensnachweis. Jeder Arbeitgeber muss Daten über die Beschäftigten speichern. Neben – wie der Name suggeriert - dem reinen Einkommen auch Daten über Krankheitstage/Fehltage, mögliches "Fehlverhalten", Kündigungsgründe und auch z.B. Streiktage (auch wenn hier bereits eine Änderung angekündigt wurde). Zwar werden die Daten verschlüsselt gespeichert, doch neue Datensammlungen ergeben neue Begehrlichkeiten.

Wenn eine Beziehung in die Brüche geht ist der eigene Beziehungsstatus in Facebook oder StudiVZ/SchülerVZ schneller aktualisiert, als alle eigenen Freunde informiert. Status-Updates machen es allen möglich, immer und überall zu verfolgen, was wir wo tun. Viele geben in Sozialen Netzwerken mehr Informationen preis, als sie ihren Nachbarn erzählen würden. Getaggte Fotos machen es einfach, Personen auf anderen Bildern zu identifizieren.

Ein winziger Rabatt verleitet Millionen von Menschen dazu, per Payback das komplette Einkaufverhalten (und somit einen Großteil ihres Lebens) preis zu geben. Riesige Datenmengen fallen an, die mittlerweile problemlos automatisch nach Auffälligkeiten durchsucht werden können. Herr und Frau XY kaufen ein Kinderbett und Babywäsche. Noch haben sie keine Kinder (was sich problemlos aus den bisherigen Einkäufen nachvollziehen lässt), somit muss Frau XY schwanger sein. Zeit, das Paar mit Werbung für Babyartikel zu bombardieren. Aber hoffentlich gibt es kein Problem, bei dem Alkoholkonsum, den Herr XY seinen Einkäufen zu Folge an den Tag legt...

Wer will, kann sein Leben auch völlig in die Hände Googles legen. Mit der Google Suche, Google Mail, Google Kalendar, Google Reader, Google Wave,... ...und nicht zu vergessen, mittlerweile auch mit dem Google Handy. Google sichert zu, die Daten aus den unterschiedlichen Diensten nicht zusammen zu tragen, doch selbst wenn nicht entsteht bei Nutzung aller (vieler) Google-Dienste ein komplettes Profil seiner selbst im Netz. Ein Profil, welches Strafverfolger (bei möglicherweise völlig ungerechtfertigtem Verdacht) in die Hände klatschen ließe. In den USA z.B. gibt es Menschen (bezeichnenderweise ein Pfadfinder!), die bereits seit ihrer Geburt auf der Terrorliste geführt werden.

Wir brauchen Menschen, die etwas zu verbergen haben. Wenn weiter bedenkenlos alle persönlichen Daten an Staat und Unternehmen ausgeliefert werden, ist die Horrorvision des „gläsernen Menschen“ nicht mehr fern.
Für mich ist der Einsatz gegen Datensammlung und Überwachung ein Thema, das zum BDP "passt" und bei dem sich der BDP - und BDPlerInnen viel mehr engagieren sollten!

Unter dem Titel "Bald wissen wir alles über dich" - Datenschutz im Alltag bietet der BDP Baden-Württemberg vom 29.-31. Januar ein Seminar zum Thema Datenschutz und Sicherheit an. Ein Wochenende werden Informationen über Datensammlung, Datenschutz und Überwachung angeboten sowie konkrete Informationen, wie man die eigenen Daten schützen kann.
Mehr Infos findet ihr auf der Seminarseite unter [url=http://www.jugendseminare.org/umwelt-politik/[/url]
Es sind noch Anmeldungen möglich.
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Re: Wir brauchen Menschen, die etwas zu verbergen haben

Beitragvon Michael » Sa Mai 15, 2010 15:08

Hallo Stefan,

falls du das liest, habe ich mal eine Frage an dich (oder wer sich sonst damit auskennt).

Und zwar suche ich ein gescheites Mailprogramm. Bisher habe ich eine Adresse bei web.de, allerdings kann man damit keine Anhänge mit mehr als 4MB verschicken und auch der Speicherplatz ist sehr gering. Also suche ich Alternativen. Das Problem: Die Alternativen mit Googlemail und Hotmail sind beide dafür bekannt, unter Privatsphäre ein überholtes Konzept aus dem 19. Jahrhundert zu verstehen. Welche vernünftigen hat man also, wenn man ein Mailprogramm mit einigermaßen viel Speicherplatz sucht, aber gleichzeitig seine Daten und den Inhalt der Mails nicht einem Unternehmen aus dem Silicon Valley überlassen will?

Viele Grüße
Michael
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Re: Wir brauchen Menschen, die etwas zu verbergen haben

Beitragvon Stefan » So Mai 16, 2010 13:52

Hallo Michael,

das ganze hängt letztlich an der Frage, ob du bereit bist, dafür auch Geld zu bezahlen. Wenn ja bekommst du für teilweise unter einem Euro pro Monat eine eigene Domain und mehrere Mailaccounts. Dort hast du dann die völlige Kontrolle und auch die Garantie, dass dir die Adresse solange erhalten bleibt, wie du das möchtest. Zum Beispiel würde ein entsprechendes Paket bei Hosteurope mit einer .de-Domain 50 Cent im Monat kosten (ich habe keine persönliche Erfahrung mit dem Provider, er hat meines Wissens aber einen guten Ruf, ggf. müsstest du dich selbst nochmal auf Seiten wie z.B. webhostlist.de informieren. Ich selbst habe sehr gute Erfahrungen mit all-inkl.com, für eine reine Domain/Email wäre dieser Provider aber deutlich teurer).

Selbst dann sind aber auch nur die Daten auf dem Server sicher. Jede Mail selbst bleibt beim Versand aber lesbar wie eine Postkarte - solange man sie nicht verschlüsselt, z.B. mit Thunderbird und Enigmail. Das Ganze setzt allerdings voraus, dass der Empfänger die Emails auch entschlüsseln kann, was dann oft ein Problem ist. Mehr Infos findest du z.B. hier und hier.

Wenn man einen wirklichen Freemail-Anbieter möchte, bleibt einem dann nur noch die Wahl des "kleinsten Übels" (es sei denn, man erhält über eine vertrauenswürdige Organisation/Person eine Mailadresse.). Zumindest was den Datenschutz angeht, dürfte man bei einem deutschen Anbieter damit aber immer noch am Besten fahren (auch wenn man immer auf das Kleingedruckte achten sollte und aufpassen muss, dass man nicht die Erlaubnis zur Weitergabe der eigenen Daten erteilt). Man befindet sich aber immer in einem Spannungsfeld, da die Freemail-Anbieter natürlich mit Werbung den Service finanzieren...
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Re: Wir brauchen Menschen, die etwas zu verbergen haben

Beitragvon Michael » Mo Mai 17, 2010 18:10

Danke für die Antwort :-)
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Re: Wir brauchen Menschen, die etwas zu verbergen haben

Beitragvon luma404 » Di Juli 27, 2010 15:32

zu dem ersten Post noch ein paar (späte) worte von mir:

Ich muss dir voll und ganz zustimmen. Jeder hat was zu verbergen - manche Sachen die wir zu verbergen haben, machen doch unser Leben erst lebenswert ;) Es sind die kleinen lustigen Streiche und so...
Und daher bin ich voll und ganz deiner Meinung!

Gegen den Überwachungsstaat
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